Frau Wachendorff, Sie inszenieren Theaterstücke mit Demenzkranken. Ihr Projekt „Anderland“ hat den Untertitel „Reise ohne Ruder“ – kann man so auch die Probenarbeit und die Vorstellungen beschreiben?

Barbara Wachendorff: Es ist eher so, dass wir ein Schiff aufs Wasser setzen, ohne zu wissen, wohin es fahren wird – aber wir wissen, dass es fahren wird. Ich mache Expertentheater: Dabei stehen Menschen auf der Bühne, die da normalerweise nicht stehen, und man erfährt etwas über das Leben dieser Menschen. Theater ist normalerweise sehr präzise, bis auf den Subtext hinter jedem Satz ist alles festgelegt. Das lässt sich mit Menschen mit Demenz nicht umsetzen, deshalb bleiben die Szenen spielerisch und offen.

Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen ziehen sich eher aus dem sozialen Leben zurück. Wie schwierig ist es, Mitwirkende zu finden für ein solches Projekt?

Wachendorff: Meiner Erfahrung nach gibt es viele Menschen, die nach einem Weg suchen, sich lebendig zu fühlen, wie es zum Beispiel auch über Tanz möglich ist. Demenz bedeutet ja nicht, dass sich die Betroffenen ständig sehr schlecht fühlen. Das Spielerische scheinen sie nicht zu verlieren – man kann nur guten Gewissens Theater mit ihnen machen, wenn sie wahrnehmen, dass sie sich in einer Bühnensituation befinden. Das nehmen sie aber wahr, es scheint eine Art menschlicher Grundimpuls zu sein. Auch kleine Kinder spielen sich ja schon etwas vor, da ist dann der eine die Oma und der andere das Kind.

Gab es keine Berührungsängste zu überwinden, gerade bei den Angehörigen?

Wachendorff: Wenn jemand nachhaltig Bedenken hat, macht es natürlich keinen Sinn, sich zu beteiligen. Wir brauchen die Unterstützung der Angehörigen oder der Heime – die Mitwirkenden kommen oft sehr angeregt nach Hause, damit muss man umgehen können. Die Frage, ob wir die Menschen nicht vorführen, wird mir bei jedem Projekt gestellt. Darauf kann ich gut antworten: Als Regisseurin ist es immer mein Job, Menschen davor zu bewahren, sich zu blamieren. Das kann professionellen Schauspielern genauso passieren. Zudem möchte ich eine positive Geschichte erzählen, andere Seiten der Demenz sichtbar machen. Wir betrachten die Erkrankten meist als behindert, als eingeschränkt – man kann aber einen ganz anderen Blickwinkel finden und sich sogar fragen: was können wir von ihnen lernen?

Welche besonderen Fähigkeiten haben Menschen mit Demenz aus Ihrer Sicht?

Wachendorff: Sie leben sehr im Moment, sind sehr intuitiv – das finde ich spannend. Wenn sie sich schlecht fühlen, können sie das nicht verstecken, wenn sie jemanden unsympathisch finden, zeigen sie das. Und wenn sie Sie anstrahlen, wissen Sie: Sie sind gemeint. Mir tut diese unbedingte Ehrlichkeit in menschlichen Kontakten sehr gut.

Sie arbeiten mit fünf demenzkranken und fünf professionellen Schauspielern. Welche Spannung entsteht dabei auf der Bühne?

Wachendorff: Das werden wir herausfinden. Wir werden theatralische Szenen erfinden, die mit den Biografien der Beteiligten zu tun haben. Die suchen wir noch, deshalb gibt es im Moment keine Vorgaben. Das kann dann etwa so aussehen, dass eine ehemalige Verkäuferin einem Schauspieler einen Anzug verkauft. Die Leute sollen keine Rollen spielen, sondern sich selbst in bestimmten Situationen. Das geht am leichtesten, wenn man an Erlebtes ankoppelt.

Ihre Produktion „Ich muss gucken, ob ich da bin“ brachte Ihnen 2006 nicht nur eine Nominierung für den Theaterpreis „Der Faust“ ein, sie zählte auch zu den erfolgreichsten Stücken des Schlosstheaters Moers. Normalerweise gehen viele Menschen dem Thema Demenz eher aus dem Weg – wie erklären Sie sich das große Publikumsinteresse?

Wachendorff: Zum einen war es für viele kaum vorstellbar, wie so ein Projekt überhaupt funktionieren soll, zum anderen haben inzwischen sehr viele Menschen mit Demenz zu tun – ob als Angehörige der rund 1,2 Millionen Erkrankten in Deutschland oder als Mitarbeiter von Heimen oder Pflegediensten. Das ist ja eine Riesenindustrie mittlerweile. Zudem war der Ansatz überraschend, die Krankheit eben nicht als Behinderung oder Einschränkung zu zeigen, sondern ihre positiven Seiten.

Wie sind Sie selbst auf dieses Thema gekommen?

Wachendorff: Mein Mann ist Psychotherapeut, 2003 haben wir in Moers ein Stück zum Thema Altersbilanz inszeniert. Das war sehr erfolgreich. Zusammen mit dem Schlosstheater Moers überlegten wir, wie diese Auseinandersetzung weitergeführt werden könnte und haben dafür Partner gesucht. Dabei sind wir auf den Paritätischen Wohlfahrtsverband gestoßen. Dort hatte man zwar an unserem Thema kein Interesse, aber an einem Stück mit Demenzkranken. Wir haben überlegt, ob das gehen könnte, und uns gedacht: warum sollen wir es nicht wenigstens versuchen? Das war Zufall, ich habe so gut wie keinen persönlichen Bezug zum Thema.

Fiel Ihnen der Umgang mit den Betroffenen am Anfang schwer? Vielen Menschen geht das ja so.

Wachendorff: Ich habe mich gut vorbereitet, viel gelesen und in zwei Heimen je eine Woche hospitiert. Aber man kann das nur machen, wenn es einem Spaß macht, und den hatte ich von Anfang an. Für mich war es, als würde ich eine neue Sprache lernen – den Kranken fällt es schwer, sich zu verständigen, man muss also andere Kommunikationsmöglichkeiten finden. Ich fand das sehr inspirierend.

Was haben Sie aus dem Projekt mitgenommen?

Wachendorff: Am Theater herrscht großer Druck, man arbeitet oft täglich 14 Stunden am Stück, auch samstags, bis nachts. Ich habe mich immer gefragt: Muss das so sein? Und Demenzkranke zwingen Sie zur Langsamkeit. Sie können Ihnen keinen Druck machen, dann ist die Probe gestorben, sie spüren sogar, wenn Sie Zugewandtheit und Entspanntheit nur spielen. Ich musste also bei dieser Produktion dafür sorgen, dass wir alle gute Laune hatten und Freude an der Arbeit. Ich habe noch nie eine so fröhliche Produktion gehabt, trotzdem waren wir sehr effektiv und sind ohne Probleme fertig geworden. Es klingt absurd, aber das war eine meiner leichtesten Arbeiten. Bei meiner nächsten Produktion mit professionellen Schauspielern habe ich es genauso gemacht, wir haben morgens mit Yoga angefangen und abends früher Schluss gemacht. Es ging uns gut  – und es hat genauso funktioniert.

Das Interview wurde geführt von Silke Offergeld und ist erschienen am 20. Januar 2012 im Magazin des Kölner Stadtanzeigers.

Barbara Wachendorff inszeniert Theaterstücke mit Experten. Mit alten und psychisch kranken  Menschen, mit jugendlichen Gewalttätern, Wohnungslosen, Flüchtlingskindern, Analphabeten.

Theater mit Demenzkranken in Köln

„Anderland“ heißt das Stück, das Barbara Wachendorff für das 11. Sommerblut Kulturfestival
im Mai 2012 in Köln inszeniert.

Für das Projekt werden noch Menschen mit Demenz gesucht, die  gerne Theater spielen, Freude am Kontakt mit anderen Menschen  haben und vielleicht ein Musikinstrument spielen oder gerne singen. Geprobt wird vom 2. April bis zum 17. Mai dreimal pro Woche im Malteser Krankenhaus Köln, Bachemerstraße, ein Fahrdienst und die Betreuung vor Ort werden organisiert.

Bis 27. Januar können sich Interessenten anmelden, unter   0151/55 43 82 41 oder

theaterunddemenz@sommerblut.de, schriftlich an Sommerblut Kulturfestival e.V.,

Barbara Wachendorff, Postfach 41 08 02, 50868 Köln.

„Anderland“ feiert am 18. Mai 2012 im Theater Stollwerk Premiere.

Mehr Informationen  unter www.sommerblut.de